Null Toleranz für Intoleranz

Null Toleranz für Intoleranz

Anlass und Ausgangspunkt für diese Handreichung ist das 90-jährige Jubiläum von Eichenkreuz Nürnberg, der Sportarbeit der Evangelischen Jugend Nürnberg. Wir wollten keine Festschrift im gängigen Sinn wie 1999 zum 75-jährigen Bestehen. Wir wollen vielmehr die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre dokumentieren.

Seit dem Jahr 2000 haben sich unsere Schwerpunkte mehr und mehr verändert. Immer stärker sind wir aktiv geworden im Eintreten für Respekt und Menschenwürde und somit gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus. In unseren Sportgruppen sind Menschen aus vielen Herkunftsländern und aus unterschiedlichen Religionen aktiv. Egal, ob Einheimische oder Asylbewerber, Christen, Muslime oder Juden,  Menschen mit oder ohne Handicap: Wir erleben jeden Tag, dass dieses bunte Bild bei Eichenkreuz Nürnberg ein großer Schatz ist und wir uns gegenseitig bereichern – Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm bringt das in seinem Vorwort sehr schön zum Ausdruck. 

 

Gelungene Beispiele und Netzwerke –
Einladung zum Handeln

Eichenkreuz Nürnberg und der evangelische Arbeitskreis Kirche und Sport in Bayern wollen gelungene Aktionen und das große Netzwerk dokumentieren, das in den vergangenen Jahren durch dieses gemeinsame Engagement entstanden ist. Besonders verbunden sind wir mit dem Gräfenberger Sportbündnis, dem kommunalen Bündnis ‚Roth ist bunt‘, mit der Versöhnungskirche in der KZ Gedenkstätte Dachau und nicht zuletzt mit der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürnberg. Alle Partner zeigen mit gelungenen Beispielen, wie sie sich in kirchlicher Sportarbeit, in Sportvereinen, Kommunen und Schulen für Menschenwürde und Respekt einsetzen.
Dabei zeigt sich, dass Netzwerke immer neue Ideen kreieren und ein lebendiges Zeichen unserer Demokratie darstellen.

 

Strategien gegen Rechtsextremismus

Martin Becher, der Geschäftsführer des Bayerischen Bündnisses für „Toleranz, Demokratie und Menschenwürde" weist in seinem Beitrag auf die umfassende Bedrohung durch den Rechtsextremismus hin. Neonazis treten inzwischen häufig verdeckt auf. Sie sind besonders in strukturschwachen Gebieten aktiv und nutzen und unterwandern bestehende Strukturen.
Deshalb sind Bündnisse von Kirchengemeinden, Sportvereinen und Kommunen zusammen mit den politischen Entscheidungsträgern eine notwendige und sinnvolle Antwort: In ihren gemeinsamen Anstrengungen gegen die  Menschenfeindlichkeit der Rechtsextremisten schließen sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen zusammen und entdecken, was sie verbindet.

 

Vertiefende Hinweise zu gelungenen Aktionen

Die Praxisbeispiele sind herzlich zur Nachahmung empfohlen: Im Internet finden Sie zu jedem dargestellten Projekt  ergänzende Hinweise zur Vorbereitung, Durchführung und Finanzierung solcher Aktionen sowie  eine Ansprechpartnerin bzw. einen Ansprechpartner, die oder der Sie gerne berät und Ihnen mit zusätzlichen Tipps weiterhilft.

 

Mit-Machen – Aktionen dokumentieren

Diese Handreichung will nicht nur informieren und dokumentieren, sie will vor allem motivieren, selber aktiv einzutreten für Respekt und Menschenwürde.  Deshalb unsere Bitte: Schicken Sie Bilder und Berichte Ihrer gelungenen  Aktivitäten an Kirche und Sport Bayern – wir werden sie  auf der o.g. Website dokumentieren, in der Hoffnung, dass sie weitere  Nachahmer finden. Eingeladen sind Kirchengemeinden, Sportvereine, Kommunen und Verbände und natürlich auch engagierte Einzelpersonen. Machen Sie mit, damit ein breites und buntes Netzwerk für Respekt und Menschenwürde entsteht.

Peter Reuter                                                                                                      
1. Vorsitzender Freundeskreis Eichenkreuz Nürnberg e.V.
Nürnberg, im Oktober 2014

 

Respekt und Menschenwürde müssen verteidigt werden

Kirche und Sport haben vieles gemeinsam. Beide haben mit Gemeinschaft zu tun. Beide fördern die Lebensfreude. Und das Wichtigste: beiden ist es ein zentrales Anliegen, dass Menschen gut miteinander umgehen. Im Sport spielt die „Fairness“ eine zentrale Rolle. Regeln für das „Fair Play“ werden eingeübt, auf das jeder Wettbewerb angewiesen ist.

Bei aller Freude an der Leistung und bei allem Wettbewerb wissen Sportler ganz genau, dass der Wert des Menschen nicht an seiner Leistung hängt, sondern dass jedem Menschen eine unbedingte Würde zugesprochen ist, die keiner ihm absprechen darf.  Dass der Mensch nach dem Zeugnis der  Bibel zum Bilde Gottes geschaffen ist, ist und bleibt die kraftvollste Quelle für die in den modernen demokratischen Gesellschaften von heute so wichtig gewordene  Überzeugung, dass die „Würde des Menschen unantastbar“ ist – wie es das deutsche Grundgesetz sagt.

Kirche und Sport stehen mit dem, was sie ausmacht, für diese Überzeugung ein. Deswegen stehen sie auch fest zusammen, wenn es um die Verteidigung der Menschenwürde geht. Überall, wo rechtsradikale Gruppen rassistische oder antisemitische Parolen zu verbreiten suchen, schreiten alle, die es mit Kirche und Sport ernst meinen, ein. Respekt und Menschenwürde müssen verteidigt werden. Deswegen gilt tatsächlich „Null Toleranz bei Intoleranz“!

In Bayern erleben wir derzeit viele eindrucksvolle Beispiele dafür, dass das nicht nur leere Worte sind. Das Bayerische Bündnis für Toleranz etwa hat kürzlich eine große Aktion auf zahlreichen  Bayernliga-Fußballplätzen veranstaltet, bei der mit Transparenten und Stadionansagen und unter jeweils prominenter Beteiligung eindrucksvolle Stellungnahmen gegen Rechtsextremismus abgegeben wurden. Der Bayerische Landes-Sportverband (BFV) hat als Mitglied des Bündnisses eine für das Gelingen dieser Aktion zentrale Rolle gespielt.

Mich ermutigt das große Engagement so vieler Menschen für Toleranz, Demokratie und Menschenwürde sehr.

Es ist ein Zeichen der Reife unserer Demokratie. Im Sport spielt nicht Hautfarbe, Sprache, Kultur oder religiöse Überzeugung die zentrale Rolle, sondern neben der sportlichen Leistung vor allem die Kameradschaft im Team und das darin zum Ausdruck kommende tiefe Wissen, dass jeder Mensch kostbar und im Team willkommen ist.

Deswegen freue ich mich von Herzen über die Aktion „Null Toleranz für Intoleranz. Sportler engagieren sich für Respekt und Menschenwürde“ und wünsche ihr alles Gute!
Den Segen Gottes hat sie bestimmt!

Dr. Heinrich Bedford-Strohm
Landesbischof der Evang.-Luth. Kirche in Bayern

 Friedenstaube

Strategien gegen Rechtsextremismus

Herausforderung für kirchliches Handeln

Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus stand für Jahrzehnte nicht auf der Agenda des deutschen Protestantismus. Seit einigen Jahren hat sich das grundlegend verändert. Ausgehend von den ostdeutschen Landeskirchen mit ihrer elementaren Betroffenheit, setzen sich mehr und mehr alt-bundesdeutsche Landeskirchen und auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit Rechtsextremismus auseinander. In erster Linie geht es um Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten, zu denen der Rechtsextremismus die Kirche fordert.

 

Definition

Rechtsextremismus dient als Sammelbezeichnung, um neonazistische oder ultra-nationalistische politische Ideologien und Aktivitäten zu beschreiben. Ideologischer Kern des Rechtsextremismus ist die Vorstellung von der Ungleichheit, der Ungleichwertigkeit von Menschen. Der Rechtsextremismus orientiert sich an der ethnischen Zugehörigkeit, stellt die rechtliche Gleichheit von Menschen in Frage und ist geprägt von einem antipluralistischen, antidemokratischen und autoritären Gesellschaftsverständnis. Politischen Ausdruck findet dies in Bemühungen, den Nationalstaat zu einer autoritär geführten »Volksgemeinschaft« in einem rassistischen Sinn umzugestalten.

 

Politisch-gesellschaftliche Aspekte

Rechtsextremismus ist eine umfassende Bedrohung: Einzelne Menschen, Individuen werden psychisch und physisch attackiert, im Extremfall getötet. Die Gesellschaft wird bedroht, insbesondere das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedener Ethnien und verschiedener Religionen. Der Staat als freiheitliche Demokratie, als Rechtsstaat mit dem Grundgesetz und die in ihm verbrieften Menschenrechte wird abgelehnt und bekämpft. Diese allumfassende, radikale und gewaltbereite Gegnerschaft zu allem, was unser Gemeinwesen heute ausmacht, ist ein Spezifikum des Rechtsextremismus.

 

Widerstehen gegen Rechtsextremismus – eine asymmetrische Form der Auseinandersetzung

Im Bayerischen Bündnis für Toleranz haben wir dafür folgendes Leitmotiv entwickelt, das sich sowohl auf die einzelne Person, als auch auf Institutionen beziehen lässt: »Wir sind erst dann Teil der Lösung, wenn wir akzeptieren, dass wir Teil des Problems sind«.

Eine solche Haltung erleichtert die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, denn diese findet asymmetrisch statt. Das liegt daran, dass Rechtsextremisten einerseits die Demokratie und deren Rechte für sich nutzen – sei es die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit oder ihr Klagerecht. Andererseits machen sie deutlich, dass sie diese Demokratie mit diesen Rechten, sofern sie irgendetwas zu sagen hätten, sofort abschaffen würden.

Rechtsextremisten nehmen für sich elementare Rechte, Grund- und Menschenrechte, in Anspruch, die sie anderen nicht zubilligen würden. Sie nehmen diese widersprüchliche Haltung wie ihr historisches Vorbild, die Nationalsozialisten, in Kauf, weil sie dadurch strategische Vorteile erzielen.

 

Eine umfassende Bedrohung benötigt eine umfassende Antwort

Wenn wir davon ausgehen, dass der Rechtsextremismus eine umfassende Bedrohung von Individuen, Gesellschaft und Staat darstellt, dann benötigt er zu seiner Bekämpfung auch eine entsprechende Antwort – auch in Kenntnis der beschriebenen Dilemmata. In der Politikwissenschaft unterscheidet man unterschiedliche Sphären des Gemeinlebens – unterteilt nach den drei Sektoren Staat, Ökonomie und Lebenswelt. Diese drei Sektoren leisten Unterschiedliches bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus. Es gilt, sie funktional zu unterscheiden.

Es ist nun ganz entscheidend, dass zwischen diesen verschiedenen Sektoren ein bestimmtes Bewusstsein darüber existiert, dass sie um des Erfolges willen bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus aufeinander angewiesen sind. Dies ist durchaus möglich, denn die verschiedenen Sektoren unterscheiden sich ausschließlich funktional und nicht notwendigerweise weltanschaulich oder politisch. Von daher ist es entscheidend, dass sich ihre unterschiedlichen Funktionen aufeinander beziehen und nicht in Konkurrenz zueinander treten. Es ist die Fähigkeit zu komplementärem Handeln gefordert – etwas populistisch formuliert könnte man davon sprechen, dass sich der »Aufstand der Anständigen« mit dem »Aufstand der Zuständigen« verbinden muss.

 

Konsequenzen für die Kirche

Der Rechtsextremismus ist dadurch gekennzeichnet, dass er system- und menschenverachtend ist. Aufgrund dessen kooperieren wir als Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) mit staatlichen, ökonomischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, denn diese sind von Rechtsextremismus bedroht und damit aufgerufen, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Dabei nutzen wir als ELKB die Doppelstruktur von Kirche: Kirche ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts, als sog. »Amtskirche«, ein adäquater Partner für die staatliche Politik. Gleichzeitig ist Kirche aber auch »Kirche vor Ort«. Sie ist in ihren Gemeinden und deren Gruppen oder in ihren Verbänden Teil der Zivilgesellschaft. Dort ist sie regional vernetzt und auf der Handlungsebene aktiv. Es gilt für die Kirche, diese Spannung zwischen »Amtskirche« einerseits und »Kirche vor Ort« andererseits auszuhalten und damit in eine konstruktive Balance zu bringen.

Wir sind uns bewusst, dass dies auch für andere kirchliche Handlungsfelder gilt. Es ist jedoch deutlich, dass diese Doppelstruktur von Kirche, die innerkirchlich häufig als ein Spannungsfeld empfunden wird, für die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus produktiv ist. Neben den Kirchen verfügen – als politische Partner – in erster Linie die Gewerkschaften über eine ähnliche Doppelstruktur; dies macht sie in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus an vielen Orten zu geborenen Partnern.

 

Ein Charakteristikum der Aktivitäten heutiger Neonazis: die regionale Dimension

Die heutige bayerische Neonaziszene ist einerseits dadurch gekennzeichnet, dass sie einen eindeutigen Bezug zum historischen Nationalsozialismus aufweist. Dies wird allein schon durch die Aktionen im Kalenderjahr – 1. Mai oder »Frankentage« – deutlich. Sie ist weiterhin dadurch geprägt, dass sie nicht mehr oft offen auftritt, weil sie weiß, dass die Menschen ihren Parolen und ihrem Auftreten skeptisch gegenüberstehen. Deshalb versuchen Neonazis, mit ihren Inhalten und Thesen Strukturen zu unterwandern und für sich zu nutzen. Sie bemühen sich, in Regionen Fuß zu fassen, die durch den Strukturwandel gekennzeichnet sind und von daher größere Probleme haben, sich gegen ihre Ideologie und ihr Auftreten zu wehren. Deswegen nutzen sie diese benachteiligten Regionen als Aktionsraum.

Dies ist für uns als Kirche eine spezifische Herausforderung. Wir sind selbst von diesem Strukturwandel betroffen, denn die Gemeinden werden kleiner und weniger handlungsfähig. Als Folge davon werden wir wiederum zum Akteur in diesem Strukturwandel, denn auch Kirche zieht sich sukzessive zurück, wenn vor Ort weniger Gemeindeglieder sind und diese stattdessen in die Ballungszentren abwandern. Damit eröffnet auch Kirche einen Raum für andere Akteure, weil sie Lücken hinterlässt – etwa in der Kinder- und Jugendarbeit. Hier müssen wir wachsam sein und genau beobachten, wer diese Lücken füllt.

 

Schlussbemerkung

Die ELKB ist in Bayern fast flächendeckend in den Bündnissen gegen Rechtsextremismus präsent und bildet gemeinsam mit dem DGB das Rückgrat vieler Bündnisstrukturen. Sie sieht ihre Rolle innerhalb dieser Bündnisse gegen Rechtsextremismus oder Bündnisse »bunt statt braun« als Hüter des Verfahrens: Sie übernimmt Verantwortung dafür, dass diese Bündnisse vor Ort in den Zusammenschlüssen die vereinbarten Regeln einhalten und ist darin ein kontinuierlicher und verlässlicher Partner. Ihr ist bewusst, dass die Arbeit in diesen Bündnissen für das Gemeinwesen vor Ort eine im Sinne der Demokratie, der Vielfalt und der Toleranz reiche Quelle darstellt.

Für die Rechtsextremisten ergibt sich ein ernüchterndes und paradoxes Resultat: Ihr Auftreten und ihre System- und Menschenfeindlichkeit führen dazu, dass sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen und -schichten, mit unterschiedlicher Weltanschauung und Religion plötzlich dessen bewusst werden, welche Werte sie einen. Die Erfahrung, gemeinsam aufzutreten und Widerstand gegen Neonazis zu zeigen, bringt diese unterschiedlichen Menschen auch emotional zusammen.

Martin Becher